Systemische Familienaufstellungen in Regensburg, Deggendorf und Ulm

Praxis für Lebendige Systeme

Christine Robert

 

Rundbriefe



Rundbrief Nummer 3


„Sehn Sie sich um

In Gottes herrlicher Natur. Auf Freiheit

Ist sie gegründet – und wie reich ist sie

Durch Freiheit!“      (Schiller, Don Carlos)                                                                                   

Wenzenbach, 7. Juli 2020



Liebe TeilnehmerInnen und Interessierte an der Aufstellungsarbeit,


vor einigen Wochen begegnete uns auf einer Wanderung eine Familie mit einem geistig behinderten Mann in ihrer Mitte. Auf gleicher Höhe angekommen, grüßten wir uns freundlich im Vorbeigehen. Unvermittelt, mit breitem, einladenden Lächeln blieb der Mann stehen und streckte seine Hand zu uns aus, spontan ergriff ich sie mit meinen beiden Händen. Wir schauten einander an und hielten uns für einige beglückende Momente. Die Familie an seiner Seite blieb ganz still – es war ein bewegender, magischer Augenblick. Sein strahlendes Gesicht und der warme, weiche Druck seiner Hand in der meinen begleiteten mich noch eine ganze Weile. Manchmal braucht es die unbehinderte Mitmenschlichkeit eines sogenannten „Verrückten“, dachte ich, damit wir „Normalen“ uns wieder trauen, einander nahe zu sein und begreifen, welch kostbares Geschenk warmherzige Nähe ist.


Die Geschichte aller Begegnungen und Berührungen,

die wir in unserem Leben erlebt haben, tragen wir unter der Haut, in jedem Teil unseres Körpers. Wir strahlen sie aus und geben sie weiter: Begegnen und berühren wir einander, begegnen sich zugleich diese vielfältigsten Berührungsgeschichten, die beigetragen haben zu dem, wie wir heute sind. Aus Aufstellungen wissen wir, dass dabei immer auch die Gaben, Erfahrungen, das Leid und der Segen derer anwesend sind, die uns das Leben geschenkt haben, und die uns vorausgegangen sind.


Vielleicht sollten wir beginnen, einander persönliche Geschichten unserer Begegnungen und Berührungen zu erzählen. Es scheint mir wichtiger denn je, uns ihre Kraft und ihren Segen ins Bewusstsein zu rufen. Sie bildet ja nicht nur unser Herz und unseren Körper und stärkt nachweislich unsere Gesundheit. Sie ist essentiell für die Fähigkeit zu fühlen, (uns selbst) zu erkennen und schöpferisch tätig zu sein. Die Kraft der guten Berührung (wir haben auch missbrauchende, ebenso wie harte, gewalttätige oder leere Berührungen erfahren) ist grundlegend für unser Menschsein und unsere Würde. Nur wenn wir berührt sind, können wir wissen, wer wir sind. Wir brauchen sie so nötig wie einen klaren, selbstbewussten Geist.

Mir kommt meine Großmutter in den Sinn: wenn ich als Kind im geliebten Großmuttergesicht mit meinen Augen und Fingern den unzähligen Falten bis in ihre immer feineren Verästelungen folgte, wurde es schön. Ich saß auf ihrem Schoß, meine Hände versuchten, ihr Kopf zu umfassen. Seidenweich legte sich ihr feines Silberhaar, unter dem Haarnetz kunstvoll onduliert, unter meine Kinderhände. Meine Finger unternahmen genaue Erkundungen in den Landschaften ihres Gesichts. Sie ließ mich gewähren, stützte meinen Rücken und gab meinem Hinterkopf Halt. Mit geschlossenen Augen überließ sie sich meinen forschenden Händen. Die behutsamen Gesten unserer Berührungen waren ein Geschenk, das wir uns gegenseitig machten. Wie Samen pflanzten sie eine uralte Gewissheit in meinen Körper: dass für jede zärtliche Berührung die immer bange Frage, ob etwas bleibt oder vergeht, ganz unerheblich ist. Dass Zärtlichkeit eine großzügige Liebe ist, die sich nicht darum schert, ob es richtig ist oder falsch. Dass also absichtslose Zärtlichkeit auf sanfte Weise jedes Urteil und alles Vergängliche überwindet und essentielle Nahrung ist. Vielleicht reicht sie darum, ohne fordernd oder zudringlich zu sein, so leicht in die Tiefen unseres Seins.


„Stürmische Zeiten“

Am Samstag vor Pfingsten sendet Bayern 4 ein Konzert mit Konstantin Weckers Lied „Stürmische Zeiten“, komponiert nach dem Mauerfall 1989, das gemeinsam mit Teilen des Symphonie-Orchesters des Bayerischen Rundfunks neu aufgenommen wurde. Es wird als „Welturaufführung“ angekündigt. Die Aufnahmen dazu ziehen sich über mehrere Tage: nach Konstantin Wecker und seinen beiden Begleitmusikern spielt pro Tag eine Musiker-Gruppe im Studio den je eigenen Part ein – zunächst die Geiger, am nächsten Tag die Bläser hinter Plexiglas, usw., jeweils mit großem Abstand voneinander. Die Konzertordnung wurde nach Testergebnissen von Virologen festgelegt, die Instrumente auf ihre unterschiedliche Aerosol-Reichweite beim Spielen untersucht hatten. Ein Dirigent wird bei dieser Einspielung nicht gebraucht, ein Tontechniker mischt die einzelnen Parts perfekt zusammen. Der Bericht über dieses Vorgehen ließ mich an Karl Valentin denken und seine Vorschläge zur Lösung der Verkehrsprobleme Anfang des letzten Jahrhunderts: „Am Montag die Fußgänger, am Dienstag die Feuerwehrautos, am Mittwoch die Lastwagen, am Donnerstag die Radfahrer,... oder aber: im Januar die Fußgänger, im Februar die Feuerwehrautos, im März die Lastwagen,.... .“


Nun atmet Musik ja den Geist von Verbundenheit, gemeinsamer Kreativität und lebendiger Beziehung – und sie lebt davon. Ich hörte mich um und erfuhr, dass meine Nichte, eine professionelle Jazz-Bläserin, mit ihrer Band in einem Autokino auftreten würde und erst einmal froh ist, überhaupt wieder spielen zu können. Ich stelle mir das vor: die Zuhörer lauschen der Musik in den Raumkapseln ihrer Autos, die MusikerInnen sehen aufleuchtende Scheinwerfer, hören zustimmendes oder enttäuschtes Hupen, wer kann das unterscheiden – aber sie sehen keine Menschen. Was geschieht mit dem Geist eines gegenseitig sich inspirierenden Wechselspiels zwischen Zuhörern und Musikern? Müssen beide ohne ihn auskommen?

Seit ich von solchen Auftritten höre, denke ich darüber nach, ob und wie ein Konzert unter diesen Bedingungen vielleicht doch gelingen könnte: die Musiker wie auch die Zuhörer in ihren Autokapseln müssten eine deutlich erweiterte Wahrnehmung, deutlich erweitertes Fühlen entwickeln, um einander zu erreichen, um sich trotz der „Auto-Verpackung“ oder vielmehr durch sie hindurch und über sie hinaus miteinander zu verbinden. Sonst bleibt es bei einer bloß fragmentierten, der Technik untergeordneten Schein-Realität mit lackierter Oberfläche, an der sich kein gemeinsam schwingendes Erleben entzünden kann – kein Funke würde überspringen. So etwas hinterlässt eher Enttäuschung und Frustration. Vielleicht aber fordern die hindernden Bedingungen gerade die Notwendigkeit heraus, genau dieses Über-sich-hinaus-und-zum-Andern-hinspüren aktiv zu entwickeln. Plötzlich fällt mir meine Eutonie-Lehrerin wieder ein, die uns schon vor vierzig Jahren die Praxis mitgab, uns beim Autofahren mit dem Auto so zu verbinden, wie wir es mit einem Kleidungsstück tun, das wir am Körper tragen, und, noch deutlicher: wir sollen das Auto so achtsam behandeln und über unseren Körper hinaus zum Auto als Ganzem hinspüren, damit es zu einer Erweiterung unseres Körpers werden kann. Das „Über-sich-hinaus-spüren“ ist zunächst ganz physisch gemeint, nicht in einem irgendwie „wolkigen“ Sinn. Es geschieht über die Kontaktflächen unseres Körpers mit dem Autositz, Lenkrad, Schaltung, Fußraum, .... . Die Übung ermöglicht eine erweiterte Aufmerksamkeit für den Strassenverkehr, wir werden sicherer in unserem Fahrverhalten und fließen leichter mit dem Verkehrsfluss mit. Übertragen auf unser Leben verändert die Übung unsere Art, wie wir  mit der Welt in Beziehung sind: wir werden achtsamer und flexibler im Umgang mit den eigenen wie den Grenzen Anderer. Und wir erleben den Raum zwischen uns nicht als leer oder gefährlich, sondern lebendig, voller Energie und auf unsere fühlende Präsenz antwortend.


Eine Freundin, die ihren Labtop von einem Computer-erfahrenen „Digital Native“ überholen ließ, erzählte mir, sie hatte den Eindruck, sobald sich seine kundigen Hände auf die Tastatur legten, habe ihr Labtop „aufgeatmet“: „Endlich jemand, der etwas von mir versteht“. Als sie dem Techniker, der zu seiner digitalen Kompetenz offenbar ein sensitiver Mann ist, ihren Eindruck mitteilte, berichtete er, dass sich manche Schwierigkeiten tatsächlich schnell lösten, sobald er mit seinen Händen Verbindung zum digitalen Gerät aufnehme. Neben den nötigen Kenntnissen eröffnet uns achtsame, über unseren Körper hinausspürende Berührung möglicherweise auch hier, im so sinnenfern erscheinenden technisch-elektronischen Reich, eine lebendigere Art von Beziehung.


Was ist mir wichtig? Wie will ich, wie wollen wir leben –

als Familie, mit den Nachbarn, im Dorf oder der Gemeinde, in einer Gemeinschaft, einem Land, in der Welt? Was brauchen wir für ein gelingendes Leben – und was nicht? Welche Arten von Begegnungen wünsche ich mir, welche möchte ich verwirklichen? Welches sind meine herausfordernden und fruchtbaren Erfahrungen aus den letzten Monaten? Welche Erkenntnisse sind mir daraus erwachsen? Was bleibt – und trägt mich, wenn um mich herum gewohnte Sicherheiten weg brechen?

Ich stelle diese Fragen nicht rhetorisch. Ich stelle sie mir und uns, auch wenn es so aussieht, als stünde es nicht in unserer Macht, Einfluss auf ihre Beantwortung zu nehmen. Unsere individuelle geistig-emotionale Klarheit jedoch strahlt aus und wirkt. Wir kennen auch das aus Aufstellungssituationen: selbst in schwerwiegenden, ausweglos erscheinenden Konstellationen zeigen sich überraschend heilsame Wendungen, wenn wir in den Stellvertretungen Verhärtung und Leid vertrauensvoll geduldig und mit wachem Geist „durchtragen“.

Unsere Antworten auf die Fragen haben, je nachdem, wie sie ausfallen, unterschiedliche Konsequenzen für unser Handeln. Und es kann hilfreich sein, nicht bei der ersten Antwort stehen zu bleiben, sondern weiter zu fragen: was sind das für Gefühle, Bilder oder Wünsche, was nehme ich im Körper wahr, wenn ich mich mit dieser Antwort verbinde? So können tiefere Bedürfnisse oder Not-Wendigkeiten auftauchen, auf die wir erst stoßen, wenn wir hinter unseren ersten Antworten weiterforschen.


Es geht immer ums Ganze

Wiederum aus Aufstellungen wissen wir: es geht immer ums ungeteilte Ganze. Heil und Heilung liegen ja immer im Ganzen, nur als Ganze sind wir heil. Alle gehören also dazu. Wir können das an uns selbst überprüfen: in beinahe jeder Familie gibt es Menschen, die ausgeschlossen sind (verschollen, gefallen, ermordet, verfemt, früh gestorben, aus übergroßer Trauer vergessen, tabuisiert, schwarze Schafe, ...). Laden wir gemeinsam mit unseren Familienmitgliedern auch sie ein, da zu sein, geben ihnen allen Raum in unserem Innern – und einen guten Platz in unserem Herzen. Verweilen wir für einige Augenblicke in dieser Vorstellung. ... Wie fühlt sich das  an? ... Vielleicht spürt der eine oder die andere von Euch nach einer Weile, wie eine Anspannung nachlässt, vielleicht einem Gefühl der Fülle weicht oder der Wahrnehmung, mehr zur Ruhe zu kommen. …. .  


Wir können den Kreis noch erweitern – Wir alle gehören zur Menschheitsfamilie.

Auch all jene, die uns stören oder ärgern, die wir für rechthaberisch, überängstlich, dumm, egoistisch oder gefährlich halten, Menschen, die Morde begangen haben, ebenso wie solche, die weise geworden sind, Menschen, die unter Steuervermeidung Milliarden horten und solche, die verhungern, weil ihnen das Nötigste zum Leben vorenthalten bleibt, die Vertriebenen wie die Vertreiber, die „Verrückten“ wie die „Normalen“, jene, die uns etwas angetan haben ebenso, wie diejenigen, denen wir etwas angetan haben, Kinder, Frauen, Männer, und diejenigen, die beides sind, Menschen aus allen Kontinenten und allen Kulturen, sie alle – wir alle – gehören zu dieser einen großen Menschheitsfamilie.


Die Natur ist unsere größere Familie.

Auch die Tiere gehören zum Ganzen, auch jene vielen Arten, deren Aussterben wir bereits bewirkt haben, und die lautlos gegangen sind. Tiere sind nicht bloß Fleisch, sie sind keine Dinge noch Hochleistungsmaschinen. Sie sind unsere Geschwister, ohne sie wüssten wir nicht, wer wir als Menschen sind und werden können.

Pflanzen gehören dazu, ohne sie könnten wir nicht einmal überleben. Und Steine, Winde, Wasser, Wolken, Himmel, Sonne, Mond, Erde, Sterne, … .  Man kann das vielleicht am einfachsten in einem alten Mischwald erfahren, weil wir im Unterschied zur Baumplantage in Monokultur, zu der viele unserer Wälder gemacht wurden, dort erfahren können, wie frei wir atmen, wie gut auch wir uns darin regenerieren: Je vielfältiger, unterschiedlicher und weitverzweigter das Leben (nicht nur) des Waldes, umso widerstandsfähiger, umso lebendiger, erhabener und heilsamer erleben wir ihn!


Wir leben in einer Zeit, die sich gut dafür eignet, zu üben, unterschiedlichste, ja gegensätzliche Erfahrungen und einander ausschließende Meinungen gelten zu lassen – oder sie wenigstens auszuhalten. Wenn uns das bloß manchmal, oder nur selten, vielleicht auch nie gelingt, haben wir immer noch die Möglichkeit, wahrzunehmen, was dabei in uns geschieht, was sich tut in unseren Gefühlen, Gedanken, und wie sich das anfühlt im Körper  – ohne Urteil, uns selber wohlwollend zugewandt – ohne etwas dafür oder dagegen zu unternehmen, sich also weder zu bestätigen, noch zu rügen. Man kann das üben, wie man etwa in einer Stellvertretung für jemanden steht, der oder die von sich glaubt, allen anderen gegenüber völlig und als einzige(r) im Recht zu sein. Man fühlt wie dieser Mensch, spürt die Wirkung an sich selber – und weiß zugleich: ich vertrete ihn nur. 

Wir „haben“ sie ja nicht, die Wahrheit. Wir – alle – haben dennoch Recht mit unseren Wahrnehmungen und Gefühlen – vom je eigenen Standpunkt aus, der uns immer nur einen winzigen Ausschnitt einer immensen, Großen Wirklichkeit erkennen lässt. In dieser Begrenztheit gleichen wir einander. Und alle sind wir zutiefst verletzlich, angewiesen auf Unterstützung, Wohlwollen und Zuneigung, auf Ermutigung ebenso wie auf einen wachen, klärenden Blick auf uns durch unsere Mit-Menschen.


Soweit für diesmal. Wie immer: nehmt, was Euch berührt, lasst beiseite, was Euch falsch erscheint, zieht in Erwägung, was Euch neu ist, auch, wenn es Euch vielleicht seltsam oder fremd vorkommt.


Ich habe auch das vierte Aufstellungsseminar in diesem Jahr für den 3.- 5. Juli absagen müssen. Wann es wieder Aufstellungswochenenden gibt, wird sich zeigen. Ich hoffe allerdings sehr darauf, dass die Seminare im Oktober und November wieder stattfinden können.

In der Zwischenzeit stehe ich wie immer für Einzelarbeit in Wenzenbach zur Verfügung, in einzelnen Fällen auch an anderen Orten. Auch die bereits beschriebenen „Fern-Aufstellungen“ sind weiterhin möglich. Vom 24. Juli an werde ich für einige Tage in Bad Boll sein. Bei Interesse an Einzelarbeit meldet Euch bei mir, telefonisch oder per Mail.


Achtung:    Ich habe eine neue E-Mail-Adresse:    

lebendiger.raum@posteo.de

Für Anfragen, Kommentare, etc. nutzt bitte die neue Adresse. Die alte bleibt noch für eine Weile bestehen.


Mit herzlichen Sommergrüßen

Christine Robert





Rundbrief Nummer 2




Je verbundener wir sind, desto sicherer sind wir.“


Mai 2020



Liebe TeilnehmerInnen und Interessierte an der Aufstellungsarbeit,


In der Süddeutschen Zeitung fiel mir kürzlich ein Foto auf mit der Überschrift: „Von Angesicht zu Angesicht“, das mich bis heute erschüttert. Zu sehen: ein alter Mann, sein Gesicht bis zu den Augen vom Mundschutz verdeckt. Gegenüber, jenseits einer Plexiglasscheibe, eine zarte, alte Frau mit weißem Pullover und weißem Schal im Rollstuhl. Mit einer bewegenden Geste legen beide von ihrer Seite eine Hand an die trennende Scheibe. Die Frau sitzt gebeugt, der Ausdruck ihres Gesichts traurig, resigniert folgt ihr Blick ihrer Hand. In den Augen des Mannes eine Intensität, als müsse sein Blick schaffen, was ihm an Begegnung verwehrt bleibt. Die Informationen im Bericht: Stahlcontainer vor Altenheim, Plexiglasscheibe, ein Stuhl auf jeder Seite, Sprechanlage, Mundschutzpflicht (trotz Scheibe). Dann Zahlen: 20 Minuten pro Besucher, 10 Minuten Reinigung, 14 angemeldete Besuche pro Tag, vor 7 Heimen je 1 Container, macht insgesamt 686 Besuche pro Woche. Die Bewohner seien erleichtert über die Möglichkeit, heißt es. Nach dem Schmerz wochenlanger Isolation – auch Sterbende dürfen nicht von Angehörigen, nicht einmal von Priestern begleitet werden – kann ich mir das allerdings gut vorstellen. Das Foto spricht dennoch eine andere Sprache. In den Niederlanden sind in Zeiten des Lock-Downs solche Container vor Altenheimen verbreitet. Ähnliche Bilder (jedoch ohne Mundschutz) kenne ich aus Gefängnisszenen amerikanischer Filme .


Berührung heilt.

Ich möchte hier noch einmal das Thema aus dem letzten Brief aufgreifen. Fred Donaldson (siehe Literatur unten) erzählt von einer Japanerin, deren Schwiegervater nach Auskunft des Arztes am nächsten Tag sterben werde. Er nehme weder Nahrung noch Flüssigkeit auf, seine Sinne verließen ihn, nicht so sehr wegen einer Krankheit, sondern vor Einsamkeit. Die Frau berichtet Donaldson:

„Meine Kinder verglichen seine Verfassung mit der eines neugeborenen Kindes. Sie begannen, ihn zärtlich zu streicheln und Lieder für ihn zu singen, die er gut kannte. Nach einigen ihrer Besuche konnte er auf Fragen nicken, seine Hände frei bewegen, und er versuchte, Wasser zu trinken. 'Es ist ein Wunder!', rief die Krankenschwester aus. Dies gibt mir die Gewissheit, dass die Lebenskraft der Kinder und ihre Berührung Energie zum Leben schenkt.“  Fred Donaldson dazu: „Je verbundener wir sind, desto sicherer sind wir.“ (Übersetzung von mir)


Wie die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln und deren Bedeutung in anderen Kulturen gesehen und gefördert wird, möchte ich am Beispiel der Dagara zeigen, einem Volksstamm in Burkina Faso, den spirituelle Weisheit und eine kluge, warmherzige Menschenkenntnis auszeichnet. Sobonfu Somé schreibt:

„Während des ganzen Jahres halten Enkelkinder und Großeltern ein sogenanntes 'Rücken-Verbindungs-Ritual' ab. Sie sitzen Rücken an Rücken, für gewöhnlich Großmutter mit Enkelin und Großvater mit Enkel, und halten sich so, dass ihre Wirbel hervorstehen und die des Partners berühren. Auf diese Art und Weise kommt es zu einer tiefen Kommunikation. Sie verharren solange wie nötig in dieser Meditationshaltung. Manchmal singen sie oder erzählen sich Geschichten. Knochen stehen in unserer Kultur für die Erinnerung, Knochen tragen Geschichten in sich. Wenn man mit einem anderen Menschen Rückgrat an Rückgrat sitzt, ist das wie eine Übertragung von einem Computer zum anderen.“ 

Die Auffassung der Dagara ist, dass die Enkel vor kurzem von dort gekommen sind, wohin die Großeltern bald gehen werden, die wiederum reich sind an Lebenserfahrung an dem Ort, an dem die Enkel noch nicht lange leben – beide haben sich also viel mitzuteilen. Es liegt nahe, dass dies einen gemeinsamen Raum schafft, der jenseits mentalen Verstehens eine Kommunikation ohne Worte eröffnet, die die Gemeinschaft bereichert und mitträgt.


„Wenn wir jemanden als Feind ansehen, organisiert sich die Materie anders, als wenn wir ihn als Freund betrachten.“

Diese Erkenntnis hat David Bohm (siehe unten) formuliert, amerikanischer Philosoph und  Quantenphysiker des 20. Jahrhunderts. Sie gilt für alles Lebendige, ebenso für die Dinge, mit denen wir umgehen, sie gilt für unsere Einstellung zu Tieren – Insekten wie Elefanten – zu Pflanzen, zur Erde, zueinander und natürlich auch zu Viren und Bakterien, die die Menschheitsentwicklung von Beginn an begleitet, gefördert und herausgefordert haben.

In Aufstellungen machen wir dieselbe Erfahrung: erst sie ermöglicht den Beteiligten Entwicklung, Versöhnung und Heilung – und beteiligt sind immer noch andere als wir Menschen: Orte, Häuser, Aspekte der Natur, Landschaften, die Elemente etc. ...

Mit systemischem Blick schauen wir anders auf unangenehme oder bedrohliche Verhaltensweisen, auf Störungen, Krankheiten, auf all das, was wir normalerweise entweder zu ignorieren versuchen oder so schnell wie möglich loswerden wollen: wir nehmen sie wahr, geben ihnen einen guten Platz, wir erkennen sie an und respektieren sie. Allein dadurch entspannt sich meist etwas, in uns wie im Aufstellungsfeld. Was getrennt, abgespalten oder verfeindet war, auch in uns selber, kann nach notwendigen Schritten der Versöhnung auf einer neuen Ebene in größerer Offenheit und Weite zu einem Ganzen zusammenfinden.


In seinem Buch „Playing for Real“ gibt Fred Donaldson (siehe Literatur, am Ende) ein Beispiel, bei dem es um eine ähnliche Erfahrung geht:

„Eine ältere katholische Nonne erzählte mir, man habe ihr geraten, sich Panzer oder große, weiße Haie vorzustellen, die ihre Krebszellen vernichten und fügte hinzu, sie könne das nicht, es sei ihr zu aggressiv, sie wolle aber auch nicht einfach passiv sterben. „Ok, lass uns auf den Boden gehen,“ schlug ich ihr vor. Wir saßen zusammen auf dem Teppich, und ich erklärte ihr, ich würde jetzt eine gesunde Zelle ihres Körpers sein und sie eine Krebszelle. „Ich möchte, dass Du als Krebszelle mich, die gesunde Zelle, so angreifst, wie Du Dir das von einer Krebszelle vorstellst. Ich bin eine gesunde Zelle und spiele mit Dir.“ Sie lächelte, als habe sie eine Idee, was ich meinte. Mit einer Kraft, die ich einer Nonne in ihren Siebzigern nicht zugetraut hatte, ging sie auf mich los. Sie stemmte sich gegen mich und stieß unaufhörlich auf mich ein, bis ich in die Hände klatschte. „Hast Du bemerkt, dass ich Dich weder angegriffen, noch Dir erlaubt habe, mich zu verletzen?“, fragte ich sie. Sie bejahte. „Gut, tauschen wir die Rollen, Du bist die gesunde Zelle, ich die Krebszelle. Ich werde Dich so angreifen, wie ich glaube, dass eine Krebszelle es tut. Du aber greifst mich weder an, noch bleibst Du passiv. Deine Aufgabe ist es, mit mir zu spielen. Bist Du bereit?“ „Ja!“ Ich griff sie mit soviel Kraft an, wie ich meinte, ihr gerade noch zumuten zu können. Sie lächelte, blieb präsent und bewegte mich geschickt um sich herum. Jedes Mal, wenn ich sie auf andere Weise anging, war sie da und für mich bereit. Nach ein paar Minuten umarmten wir uns. „Ich hab's“, sagte sie lächelnd, „ich brauch' keine Panzer oder weißen Haie, ich kann meine Beziehung zu den Krebszellen ändern, indem ich mit ihnen spiele.“ Sie definierte ihre Beziehung zum Krebs neu und war nicht mehr im Krieg mit ihm. Statt sich auf nacktes Überleben zu verengen, richtete sie sich auf gutes Gedeihen aus – darauf, lebendig zu sein, solange sie lebte. Sie hatte nun eine andere Wahl, weder musste sie gegen den Krebs kämpfen, noch sein Opfer sein. Konkurrenzkampf war nicht mehr das einzig verfügbare Spiel.“ (Übersetzung von mir)



Die Musik trägt dazu bei, dass ich mich wieder aufrichte


Spät und übermüdet, nach langer Fahrt im klapprigen R4, erreicht der Pianist an einem Januartag 1975 den Ort seines Konzerts. Es ist ausverkauft. Die Bedingungen allerdings, die den Pianisten erwarten, sind unannehmbar: das bestellte Piano, falsch abgestellt, steht unerkannt hinter einer Wand. Einzig verfügbares Instrument ist ein blechern tönendes Übungsklavier mit unzuverlässigen Tasten und klemmender Pedale, die untere und obere Oktave nicht mehr stimmbar. Der Veranstalterin gelingt es, den Pianisten doch zum Spielen zu bewegen. Von diesem Konzert gibt es eine Aufnahme – auch die wäre beinahe nicht zustande gekommen. Es handelt sich um das ekstatische, legendär gewordene „Köln-Konzert“ von Keith Jarrett, einem der großen Jazz- und Klassikpianisten unserer Zeit, dessen Gabe das Komponieren von Musik im Augenblick des Spiels ist. Ende der Siebziger Jahre, es ist eine schwierige Zeit in meinem Leben, höre ich den Mitschnitt des Konzerts immer wieder, oft hintereinander – ohne um die Bedingungen für das Zustandekommen des Konzerts zu wissen. Die Musik trägt dazu bei, dass ich mich wieder aufrichte und weitergehe. Keith Jarrett's Hingabe an die Musik über widrigste Bedingungen hinaus, auf die er sich dennoch einlässt, um spielen zu können, und seine große Erfahrung in musikalischer Improvisation sind Voraussetzung für das Gelingen. Durch ähnliche Erfahrungen muss man davon ausgehen, dass diese Bedingungen paradoxerweise zur außergewöhnlichen Qualität seines Spiels beigetragen haben, weil sie ihm einen Einsatz über jedes bisher notwendige Maß hinaus abverlangen – womit ich nicht sagen will, zu einem guten Gelingen gehören notwendig miserable Bedingungen! 


Keith Jarrett's „Köln-Konzert“ hörte ich vor einigen Tagen anlässlich seines 75. Geburtstags noch einmal und merke: auch ich bin aufgefordert, zu improvisieren. Möglicherweise gilt das für uns alle, und wenn wir bisher selten dazu gezwungen waren, sind wir darin noch ungeübt. Doch: mich wehmütig daran zu erinnern, wie das Leben vor wenigen Wochen war, tut einfach nicht gut und funktioniert nicht. Die Situation verlangt neue Antworten, auch eine Suche nach bisher nicht beachteten, unerkannten „Spielräumen“ – über einen vermehrten Rückgriff auf das Internet hinaus. Ein Sohn meines Lebensgefährten mit komödiantischer Begabung verschenkte zu Beginn des Lock-Downs Klopapierrollen auf der Strasse. Menschen setzen sich meditierend auf Plätze, Strassen und in Parks. Nur zwei Beispiele – ich bin sicher, Ihr kennt viele weitere....

Suprapto Suryodarmo, mein javanischer Bewegungslehrer kommt mir in den Sinn. Hatten wir uns frustriert in unserer Bewegungspraxis festgefahren, wussten nicht weiter und versuchten nun, es uns doch irgendwie nett zu machen oder wenigstens gut auszusehen, rief er uns zu: „Not nice feeling, but good situation!“ (Nicht um angenehme Gefühle geht es, sondern um eine gute Situation!).

Dazu gehört für mich, sich gerade jetzt auf das Wesen, die Grundlagen von lebendigem Leben und guter, auch geistig-sozialer Gesundheit zu besinnen und das Leben zu feiern! Ich weiß nicht, wie es Euch geht, ich brauche dafür inspirierende, stärkende Begegnungen. Momentan häufig zurückgezogen, sind das neben Stille und dem Zusammensein mit meinem Lebensgefährten Reinhard (beides ein Segen!) Begegnungen mit Erfahrungen und Erkenntnissen anderer Menschen. An einigen solcher Geschichten und Erkenntnissen habe ich Euch teilhaben lassen. Nehmt davon, was Euch anspricht, lasst Euch bewegen und zieht Eure eigenen Schlüsse. In diesem Sinn wünsche ich Euch einen guten Mai!


Bis zum nächsten Mal grüße ich Euch herzlich


Christine



Nachbemerkung:

Ich biete auch weiterhin das von mir im letzten Rundbrief beschriebene Angebot einer „Fern-Aufstellung“ an, das sich bisher durchaus bewährt hat. Ebenso ist es wieder möglich, zu einer Einzelberatung zu mir nach Wenzenbach zu kommen. Wann es wieder Aufstellungswochenenden geben wird, steht zur Zeit noch in den Sternen (oder anderswo).



Literatur:

Fred Donaldson, Playing for Real, Re-Playing the Game of Life (Play as if your life depends on it – it does!) ders., Von Herzen spielen, 2004, arbor-verlag

David Bohm, Der Dialog, Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen, 2019

D. Bohm, David Peat, Das neue Weltbild, Naturwissenschaft, Ordnung und Kreativität, Goldmann Verl. 1990

Sobonfu Some, In unserer Mitte, Kinder in der Gemeinschaft, Orlando Verlag, 2000

dies., Die Gabe des Glücks

dies., Vom Glück des Scheiterns





Rundbrief Nummer 1

                                                                                                              Wenzenbach, 13. April 2020



Liebe TeilnehmerInnen,  liebe Freunde der Aufstellungsarbeit,


Wir leben in herausfordernden Zeiten.

Anfang Februar fanden mein Lebensgefährte und ich eine Karte, auf der steht: „Stille. Einfach mal Stille!“ Wir nahmen zwei davon mit und stellten sie gut sichtbar bei uns auf. Jetzt erscheint mir die Karte aus dem Februar prophetisch. Seit einigen Wochen herrscht tatsächlich Stille. Eine Stille, wie wir sie uns vor einiger Zeit so nicht hätten vorstellen können – mit unterschiedlichen Aspekten und durchaus gegensätzlichen Wirkungen.

Im Wald hat die Stille eine ungewohnte Qualität: eine große, atmende, lebendige Stille, wie ich sie fast nur aus dem Wald meiner Kindheit erinnere. Die Bäume, der Wald als Ganzes, stehen wieder mehr in ihrer eigenen Autorität. Die Luft ist klar, beinahe rein, der Himmel ungestört in seinem Blau. Viele von Euch werden vielleicht Ähnliches beobachten. Die Erde atmet auf. So kann es sein, denke ich mir! Mir fällt ein Zitat ein aus einem Bericht über die Buschleute Afrikas, das mich seit vielen Jahren begleitet:

„Niemals kam in ihm das Empfinden auf, nicht zu seiner Umgebung zu gehören, nicht mit dem allgemeinen Geschehen ringsumher in Zusammenhang zu stehen – er kannte nicht das Gefühl der Isolation, das heimlich den Mut und die Persönlichkeit des modernen Menschen aufzehrt. Überall fühlte er sich geborgen… . Wo auch immer er ging, er fühlte, dass man ihn kannte; wem auch immer er begegnete, Sternenschimmer, Wolke, Baum oder Tier, alles kannte ihn. Ich glaube, dass der Buschmann durch das, was ihn kannte, Kenntnisse gewann.“ Laurens.v.d.Post, Das Herz des kleinen Jägers

In diesen Wochen empfinde ich besonders im Wald dankbar die Einladung, sich in einem umfassenderen, tieferen Sinn zugehörig zu fühlen, als es mir als Spaziergängerin bisher möglich erschien. Das erfahre ich als besonderes Glück.


Ende März hätte im Tagungshaus Kloster Bonlanden ein Aufstellungsseminar stattfinden sollen. Viele von Euch hatten sich dazu angemeldet, es war ausgebucht. Einige Wochen vor Beginn musste mir das Tagungshaus „aus aktuellem Anlass“ absagen. Ich habe an diesem Wochenende viel an Euch und unsere gemeinsame Arbeit gedacht – und tue das immer wieder.

Ich frage mich: Welche Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Aufstellungspraxis können hilfreich für uns sein in einer Zeit, in der wir gehalten sind, Abstand voneinander zu wahren?


Dass für jeden Menschen eines Systems das gleiche Recht auf Zugehörigkeit gilt, zeigen uns Aufstellungen. Auch, welch gravierende Folgen es für Einzelne, ebenso wie für das Ganze hat, wenn Zugehörigkeit verweigert wird. Angesichts zunehmender Naturzerstörung weltweit scheint es vielen Menschen schwierig, sich zur Natur, unserer größeren Familie, zugehörig wahrzunehmen. Albert Schweitzer drückte diese Zugehörigkeit so aus: „Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will“. In Naturaufstellungen wird das fühlbar und konkret. Wie heilsam es ist, wenn ich mich bedingungslos zugehörig und willkommen fühlen darf, wie viel Kraft, Kreativität und Lebensfreude es freisetzt, wenn ich meinen Platz im Ganzen einnehmen und zugleich ganz Ich Selbst werde, gehört zu den kostbarsten Erfahrungen der Aufstellungsarbeit und ihrer Wirkungen.


Über eine Gefährlichkeit von Corona-Viren kann ich nichts Gültiges aussagen. Aus der Aufstellungsarbeit jedoch weiß ich: All das, was wir von uns fernhalten wollen (Krankheit, Tod, Scheitern, eigene Schattenseiten, schwerwiegende, traumatische Erfahrungen, deren Gefühle wir nie wieder fühlen wollen, …), alles, was wir ausschließen und bekämpfen, wird stärker und gewinnt an Macht über uns, ablesbar an Ängsten, die uns am Leben hindern. Was wir nicht haben wollen, unter Verschluss zu halten oder zu bekämpfen, bindet eine Menge freier Energie, Aufmerksamkeit und Kreativität, die uns zum Lebendigsein und zur Gesundheit fehlen. Ängste führen leicht dazu, den Feind im Außen zu suchen, vor dem wir meinen, uns schützen zu müssen: eine Spirale von Angst, Machtlosigkeit und Aggression. Das Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit kann unter solchen Umständen zum Bedürfnis (des kleinen Kindes in uns) werden, nichts falsch zu machen, „brav“ zu sein, um nicht ausgeschlossen zu werden. Eine Situation, in der schnell alte, überwunden geglaubte Muster und Mechanismen, alte Ängste und Traumata aktiviert werden. Lasst uns wohlwollend zugewandt und aufmerksam sein für unsere Ängste, für das verletzte oder ungeschützte innere Kind in uns selber. Sonst besteht die Gefahr, nach Schuldigen und Abtrünnigen zu suchen, gegen die wir glauben, einen „gerechtfertigten“ Krieg führen zu müssen. 


In Aufstellungen begegnen wir einander, nähern uns langsam und achtsam, manchmal durch Zweifel und Widerstände hindurch, einander an – z.B., wenn der Kontakt abgebrochen war, weil Verletzungen zu schmerzhaft waren, oder sich Konflikte überwältigend und aussichtslos anfühlten. Wenn ein geschützter Raum uns erlaubt, Schmerz, Angst oder Wut Ausdruck zu verleihen, werden wir berührbar und berühren Andere. Nicht nur im physischen Sinn. Einander anschauen, den anderen ersteinmal wahrnehmen, ist meist der Beginn einer Versöhnung und Heilung. Einander versichern: ich bin ein Mensch, wie Du auch. Es tut mir gut, von Dir gesehen zu werden. Es tut mir gut, Dein Wohlwollen zu spüren, jetzt gebe ich Dir meines, und für mich gehörst Du dazu.


Das Ausmaß von Missbrauch in unserer Gesellschaft hat uns, wenn es um Berührung geht, unsicher werden lassen. Im Augenblick gilt Berührung wegen möglicher Virenübertragung zudem als gefährlich. Doch es ist wichtig, sich zu erinnern: Nähe, Berührung und Begegnung brauchen wir wie Nahrung zum Leben. Sie gehören zu den grundlegendsten Bedürfnissen des Menschen. Ständigen Kontakt und Berührtsein im Mutterleib nehmen wir als prägende, primäre Erfahrung mit in diese Welt. Sobonfu Some aus der Jahrtausende alten Kultur der Dagara in Burkina Faso hat es einmal für sich und ihr Volk so formuliert:

„Ich muss jemanden berühren können, ..., muss mein Auge auf jemanden werfen können, um mich gesund zu fühlen. Damit wir uns wohlfühlen, müssen wir täglich mindestens 15 Umarmungen bekommen! Allein die menschliche Berührung ist Medizin; ihr Mangel legt sich wie ein Winter auf unser Leben.“


Zur Zeit ist Berührung und Begegnung, wie bekannt, nur sehr eingeschränkt möglich. Wir können jedoch aus der Ferne berühren und auch selber aus der Ferne berührt werden – ich meine das buchstäblich. Es funktioniert. Es braucht von uns, der Bewegung des Lebens zu vertrauen. Ich habe damit eine eindrückliche Erfahrung machen dürfen, die ich wohl nie vergessen werde: vor etwa zwanzig Jahren erlebte ich eine tiefe Krise, begleitet von heftigen Panikattacken. Einmal hatte ich auf dem Hamburger Hauptbahnhof plötzlich eine Stunde Aufenthalt. Unschlüssig blieb ich auf dem Bahnsteig stehen. Um mich herum drangvolle Enge. Plötzlich ergriff mich helle Panik. Mir brach der Schweiß aus, mein Herz jagte, verzweifelt suchte ich nach Halt, den ich in der Menge nicht fand. Bald war ich von der Angst getrieben, womöglich nicht mehr lange an mich halten zu können und vor den Folgen, die das für mich haben würde. In meiner Not schloss ich die Augen und schrie, innerlich! um Hilfe. Im selben Moment legte sich eine warme Hand beruhigend auf meine Brust – die Panik wich unvermittelt dem wundersamen Gefühl sicherer Geborgenheit. Ich öffnete die Augen, um zu sehen, wer mich berührte. Aber da war niemand. Das deutliche Gefühl der warmen Hand blieb noch lange präsent. Ich spürte eine fraglose Zärtlichkeit, die mich durch die Wartezeit auf dem Bahnsteig trug. Beruhigt und gelassen setzte ich meine Reise fort.


In „Alchemie der Nähe“, schreibt Dorothea Rapp die Sätze:

„Die zärtliche Berührung will nichts für sich; sie macht aber vieles möglich, indem sie nicht nur den Verletzlichen schützt, sondern ihn tiefer ergreift und begreift. Zärtlichkeit heilt. Sie heilt den Berührenden wie den Berührten gleichermassen.“ Für mich sind das wichtige, wegbegleitende Sätze, die ich gerne mit Euch teile.


Vor einigen Tagen las ich in unserer Zeitung die Anzeige einer verzweifelten Familie zum Tod ihres Mannes, Vaters und Opas: Im Krankenhaus hatte ihn, „isoliert, verlassen und einsam der Lebensmut verlassen. Wir sind fassungslos!“, stand dort zu lesen. Diese Anzeige lässt mich nicht los. Inzwischen weiß ich von anderen, ähnlichen Schicksalen. Jedem von uns könnte bei einem Krankenhausaufenthalt im Moment das Gleiche geschehen. Ich bin nicht an einer Stelle, die es erlauben würde, Entscheidungen zu beeinflussen, um an der Situation etwas zu ändern. Aber ich übe,  Menschen, die ich nicht kenne und nicht kennen muss, die isoliert und allein zu Hause oder auf einer Krankenstation liegen, aus der Ferne zu berühren – immer mal wieder in einem Moment der Ruhe, und abends vor dem Einschlafen. Ich lasse mich und meine Hände im Geiste führen und bin dann mit meinen Händen nur da, ohne eine bestimmte Absicht. Das ist das Wenige, das ich im Moment für jene tun kann, die wie mein Lebensgefährte und ich, wie meine und seine Familie und wie jeder von uns zur Menschheitsfamilie gehören und jetzt ausgeschlossen sind von der Nähe und Fürsorge ihrer Lieben. So fühle ich mich den unbekannten Menschen verbunden – und gleich. Ob meine Berührung wirkt, kann ich nicht wissen. Ich vertraue dem Leben und der Energie seiner geistigen Bewegung. Mich selbst führt diese kleine Praxis ein wenig aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus und wirkt heilsam auch auf mich.*



Mein Angebot zu Einzelaufstellungen in dieser Zeit, solange die Beschränken in Kraft bleiben:


Einige meiner Kollegen bieten Beratungen und Aufstellungen übers Internet an. Ich habe mich dagegen entschieden. Ich möchte den Raum der Aufstellung geschützt halten und mich dem Geschehen so achtsam wie möglich widmen. Es hat sich eine bereits erprobte Möglichkeit für die Arbeit herauskristallisiert, wenn Ihr ein Anliegen habt und mit mir schon mindestens einmal gearbeitet habt, meine Vorgehensweise also kennt. Das Anliegen kann am Telefon erörtert werden, auch die Personen oder Themen, die aufgestellt werden. Ich stelle dann in meinem Arbeitsraum hier bei mir auf. Da mein Lebensgefährte viele Jahre selber Aufstellungen geleitet hat, kann er den Raum halten, die Aufstellung unterstützen und die Aussagen mitstenografieren. Aus seinen Aufzeichnungen und meinen Erinnerungen erarbeiten wir gemeinsam ein Protokoll, das ich per Post zuschicke. Wenn es gewünscht wird oder eine Information braucht, kann man auch während der Aufstellung miteinander telefonieren. Von Aufstellungen wissen wir, dass sich Wirkungen im gesamten „Feld“ vollziehen. Auch in einem Aufstellungsseminar sind ja bei weitem nicht alle Beteiligten anwesend.

                                                                                                                 


* Fühlt Euch frei, das, was sich für Euch (be) fremd (end) oder unpassend anfühlt, außer Acht zu lassen. Es gibt viele andere Praxisformen und Arten der Unterstützung. Ich beschreibe hier meine eigene Erfahrung und meine Überlegungen.